Das Schmerzgedächtnis – wenn der Schmerz bleibt

Bachelor of Science in Physiotherapie

Inhalt

Chronische Schmerzen sind oft schwer zu verstehen, besonders wenn die ursprüngliche Verletzung längst verheilt ist. Aber wusstest du, dass dein Gehirn Schmerzen speichern kann? Dieses Phänomen wird als „Schmerzgedächtnis“ bezeichnet und ist eine der Hauptursachen für langanhaltende Schmerzen.

Was ist das Schmerzgedächtnis?

Das Schmerzgedächtnis beschreibt die Fähigkeit des Nervensystems, Schmerzreize zu „lernen“ und diese auch dann abzurufen, wenn der ursprüngliche Auslöser nicht mehr vorhanden ist. Dies geschieht durch die sogenannte „neuronale Plastizität“ – die Fähigkeit des Gehirns, Verbindungen zwischen Nervenzellen zu verändern und zu verstärken.

Bei chronischen Schmerzen werden Schmerzreize so oft wiederholt, dass das Nervensystem überempfindlich wird. Dein Gehirn beginnt, Schmerzsignale zu senden, auch wenn keine Gefahr besteht.

Wie entsteht das Schmerzgedächtnis?

Das Schmerzgedächtnis, auch als „chronischer Schmerz“ oder „neuroplastische Schmerzverstärkung“ bezeichnet, entsteht, wenn Schmerzsignale in unserem Nervensystem über längere Zeit hinweg wiederholt werden. Dabei verändern sich die neuronalen Netzwerke im Gehirn und Rückenmark so, dass sie immer wieder die Schmerzsignale aktivieren, selbst wenn keine tatsächliche Gewebeschädigung mehr vorliegt. Aber warum führen bestimmte Faktoren dazu, dass dieser Prozess verstärkt wird? Schauen wir uns die drei wichtigsten Ursachen genauer an:

1. Lang andauernde Schmerzen

Wenn Schmerzen länger als gewöhnlich andauern – also über die normale Heilungsphase hinaus – beginnen die Nervenbahnen in unserem Körper, sich „einzuprägen“. Der Körper reagiert auf wiederholte Schmerzsignale, indem er die Rezeptoren auf den Nervenzellen empfindlicher macht. Dies ist als Zentralisierung des Schmerzes bekannt und bedeutet, dass Schmerzsignale im Rückenmark und Gehirn verstärkt werden. In einem gesunden System würde der Schmerz nach der Heilung des Gewebes nachlassen, doch bei chronischen Schmerzen wird diese „Reaktion“ verstärkt.

Physiologische Erklärung:

Durch wiederholte Schmerzreize können schmerzverarbeitende Neuronen im Rückenmark (die sogenannten Nozizeptoren) eine verstärkte Aktivität zeigen. Dies passiert, weil die synaptischen Verbindungen zwischen diesen Nervenzellen „gestärkt“ werden (Neuroplastizität). Die Schmerzwahrnehmung wird dadurch dauerhaft intensiviert, sodass auch milde Reize als Schmerz empfunden werden.

2. Stress und emotionale Faktoren

Emotionen wie Angst, Stress und Depression können das Schmerzgedächtnis ebenfalls verstärken. Der Körper reagiert auf emotionale Belastungen mit einer vermehrten Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol und Adrenalin. Diese Hormone können das Nervensystem sensibilisieren, sodass bereits geringe Reize zu einem Schmerzempfinden führen.

Physiologische Erklärung:

Stress aktiviert die Amygdala, einen Teil des limbischen Systems, der für die Verarbeitung von Emotionen verantwortlich ist. Diese Aktivierung verstärkt die Verbindung zwischen emotionalem Stress und Schmerzwahrnehmung. Gleichzeitig fördert Stress die Ausschüttung von Substanz P, einem Molekül, das Schmerzen im Nervensystem weiter verstärken kann. Auch das Sympathische Nervensystem, das den „Kampf-oder-Flucht“-Mechanismus steuert, wird aktiv, was zu einer weiteren Verstärkung der Schmerzreaktion führt.

3. Fehlende Bewegung und Inaktivität

Bewegungsmangel kann das Schmerzgedächtnis ebenfalls verstärken. Wenn Menschen aufgrund von Schmerzen inaktiv werden, verlieren sie oft die Muskulatur, die ihre Gelenke stützt, und entwickeln eine Schwäche der Muskulatur. Dies führt zu einer Überlastung bestimmter Körperregionen, was den Schmerz langfristig verstärken kann.

Physiologische Erklärung:

Ein inaktiver Lebensstil führt zu einer Reduktion der Endorphin-Ausschüttung, die normalerweise zur Schmerzbekämpfung beiträgt. Zudem reduziert sich die Durchblutung in den betroffenen Bereichen, was bedeutet, dass weniger Nährstoffe und Sauerstoff zu den Muskeln und Geweben gelangen – dies kann den Heilungsprozess verzögern und das Schmerzempfinden verstärken. Bewegungsmangel kann auch dazu führen, dass die Schmerzschwelle sinkt, was bedeutet, dass der Körper empfindlicher auf Schmerzreize reagiert.

Zusammenfassung:

Diese drei Faktoren – langanhaltende Schmerzen, Stress und Bewegungsmangel – wirken zusammen, um das Schmerzgedächtnis zu verstärken. Aus physiologischer Sicht führen sie zu einer veränderten Schmerzwahrnehmung im Nervensystem, in dem die Schmerzsignale stärker und häufiger aktiviert werden. 

Was kannst du tun?

Das Schmerzgedächtnis ist zwar hartnäckig, aber nicht unumkehrbar. Du kannst dein Nervensystem beruhigen, indem du:

  • Achtsamkeitsübungen und Meditation praktizierst, um Stress zu reduzieren.
  • Langsam wieder in Bewegung kommst.
  • Methoden, wie die progressive Muskelentspannung oder gezielte Atemübungen ausprobierst.

Fazit

Das Schmerzgedächtnis zeigt, wie stark das Gehirn in die Wahrnehmung von Schmerz eingebunden ist. Das bedeutet aber auch, dass du aktiv Einfluss darauf nehmen kannst. Mit der richtigen Strategie kannst du lernen, deinem Gehirn neue Muster beizubringen – ohne chronische Schmerzen als ständige Begleiter.


Quellen:

  • Apkarian, A. V., Bushnell, M. C., Treede, R.-D., & Zubieta, J.-K. (2005). Human brain mechanisms of pain perception and regulation in health and disease. European Journal of Pain, 9(4), 463–484. https://doi.org/10.1016/j.ejpain.2004.11.001
  • Merskey, H., & Bogduk, N. (2012). Classification of chronic pain: Descriptions of chronic pain syndromes and definitions of pain terms (2nd ed.). IASP Press.
  • Tracey, I., & Mantyh, P. W. (2007). The cerebral signature for pain perception and its modulation. Neuron, 55(3), 377–391. https://doi.org/10.1016/j.neuron.2007.07.012
  • Apkarian A.V., Baliki M.N. & Geha P.Y. (2009) Towards a theory of chronic pain. Prog Neurobiol. 2009 February ; 87(2): 81–97. doi:10.1016/j.pneurobio.2008.09.018.
  • Giesecke, T., Gracely, R. H., Grant, M. A., Nachemson, A., & Petzke, F. (2004). Evidence of augmented central pain processing in idiopathic chronic low back pain. Arthritis & Rheumatism, 50(2), 613–623. https://doi.org/10.1002/art.20053

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