Endogene Schmerzhemmung: Der innere Schlüssel zur Schmerzlinderung

Schlüssel zur endogene Schmerzlinderung

Bachelor of Science in Physiotherapie

Inhalt

Unser Körper verfügt über ein bemerkenswertes System, das Schmerzsignale von innen heraus dämpft – die sogenannte endogene Schmerzhemmung. Wenn dieses System gut funktioniert, spüren wir weniger Schmerzen. Eine zu schwache Hemmung hingegen kann chronische Schmerzen begünstigen.

Was wäre, wenn die Fähigkeit, Schmerzen zu regulieren, weniger eine Frage der Biologie – und mehr eine Frage des Trainings wäre? Die endogene Schmerzhemmung zeigt: Schmerzregulation ist kein passiver Vorgang, sondern ein Potenzial, das wir aktiv fördern können.

Was ist endogener Schmerzhemmung?

Unser Körper besitzt ein eigenes System, das Schmerzen dämpfen kann – ganz ohne Medikamente. Dieses körpereigene Bremssystem nennt man endogene Schmerzhemmung. Es funktioniert so: Vom Gehirn aus werden Signale über Nervenbahnen nach unten zum Rückenmark gesendet. Dort können sie Schmerzsignale abschwächen, bevor diese überhaupt ins Bewusstsein gelangen. Dabei helfen Stoffe wie Endorphine, Serotonin und Noradrenalin, die der Körper selbst ausschüttet. Sie wirken wie eine natürliche Schmerzbremse.

Ein spannender Teil dieses Systems ist ein Mechanismus, bei dem ein neuer Schmerz einen bestehenden Schmerz lindert – zum Beispiel wenn man gerade Zahnschmerzen hat und sich dann versehentlich den Fuss anstößt. Für einen Moment spürt man den Zahnschmerz weniger, weil der neue Reiz den alten überlagert. In der Forschung nennt man das «Schmerz hemmt Schmerz», ein Effekt, der heute als massgebliches Zeichen für eine gut funktionierende Schmerzhemmung gilt.

Ein bekannter Effekt dabei ist: Ein neuer Schmerz kann einen bestehenden Schmerz abschwächen. Zum Beispiel: Wer Zahnschmerzen hat und sich den Fuss anstösst, spürt den Zahnschmerz kurzzeitig weniger – der neue Reiz überlagert den alten. Die Forschung nennt das „Schmerz hemmt Schmerz“.

Wissenschaftler:innen messen diese Wirkung mit der Methode der Conditioned Pain Modulation (CPM). Dabei zeigt sich: Faktoren wie Aufmerksamkeit, Erwartung, Emotionen oder der Glaube an eine Therapie können dieses System messbar verstärken. Schmerzhemmung ist also lern- und trainierbar.

Warum ist es wichtig dieses System zu stärken?

Wenn unser Schmerzhemmungssystem nicht gut funktioniert, steigt das Risiko für chronische Schmerzen. Das liegt nicht daran, dass Betroffene „etwas falsch gemacht“ haben. Vielmehr können Faktoren wie unsere Gene oder belastende Erfahrungen in früheren Lebensphasen dieses System dauerhaft beeinträchtigen.

Studien zeigen, dass bestimmte Genvarianten die natürliche Schmerzhemmung reduzieren. Ebenso wurde beobachtet, dass Menschen mit traumatischen Kindheitserfahrungen (z. B. Gewalt, Vernachlässigung) oft ein schwächeres Schmerzhemmsystem haben – selbst im Erwachsenenalter.

Auch chronischer Stress, Schlafmangel und epigenetische Veränderungen können das System negativ beeinflussen. Das alles zeigt: Die Ursachen liegen oft ausserhalb der eigenen Kontrolle. Doch wer versteht, wie das System funktioniert, kann gezielt daran arbeiten, es wieder zu aktivieren – für mehr Selbstwirksamkeit im Umgang mit Schmerz.

Auch wenn wir bestimmte Risikofaktoren nicht ändern können: Wir können daran arbeiten, dass unser körpereigenes Schmerzmodulationssystem stärker aktiv bleibt oder wieder aktiviert wird. Damit legen Betroffene den Grundstein für einen besseren Verlauf – auch bei chronischen Schmerzen.

Wie kann man die körpereigene Schmerzhemmung unterstützen?

Auch ohne Medikamente lässt sich das körpereigene Schmerzbremssystem gezielt stärken – durch einfache, alltagsnahe Maßnahmen:

1. Bewegung

Moderate Bewegung (z. B. Gehen, Radfahren) fördert die Ausschüttung von Endorphinen – körpereigene Schmerzhemmer. Bewegung wirkt auch entzündungshemmend und senkt Stress.

Mehr zum Thema «Bewegung und Schmerzen» findest du in unserem Beitrag «Bewegung trotz Schmerzen: So fängst du an«.

2. Entspannungs- und Achtsamkeitspraxis

Methoden wie Progressive Muskelrelaxation, Meditation oder Atemübungen senken Stress und aktivieren das vegetative Nervensystem – ein wichtiger Faktor für die Schmerzhemmung.

3. Psychologische Prozesse: Erwartung & Aufmerksamkeit

Positive Erwartungen und gezielte Aufmerksamkeit lenken können nachweislich die Schmerzhemmung im Gehirn aktivieren. Der Glaube an Wirksamkeit wirkt biologisch schmerzdämpfend.

4. Neuromodulation (z. B. TENS)

Elektrische Reize auf Haut oder Gehirn können das Schmerzsystem stimulieren und die Ausschüttung körpereigener Opioide fördern. Diese Methoden sollten therapeutisch begleitet werden.

Fazit

Unser Körper besitzt eine eingebaute Schmerzbremse – die endogene Schmerzhemmung. Bei manchen Menschen funktioniert sie gut, bei anderen weniger. Das kann viele Gründe haben: von genetischer Veranlagung bis hin zu belastenden Erfahrungen im Leben. Wichtig ist: Es ist keine Frage von Schuld oder Willenskraft.

Aber: Dieses System lässt sich trainieren und aktivieren. Bewegung, Entspannung und eine positive innere Haltung können helfen, die körpereigene Schmerzhemmung zu stärken. So gewinnt man wieder mehr Einfluss auf das eigene Schmerzempfinden – Schritt für Schritt.

endogene Schmerzhemmung Key-Learnings

Literaturverzeichnis

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Billens A., et. al. (2024). The influence of expectations and attention on conditioned pain modulation: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 114: https://doi.org/10.1016/j.cpr.2024.102517

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