Vielleicht kennst du das: Du schneidest dich in den Finger, es tut weh, und nach kurzer Zeit ist alles wieder gut. Und dann gibt es diese anderen Schmerzen, die bleiben Tage, Wochen oder Monate. Manchmal verändern sie sich, manchmal kommen sie scheinbar grundlos zurück. Genau hier wird klar: Nicht jeder Schmerz ist gleich und vor allem entsteht nicht jeder Schmerz auf dieselbe Art und Weise. Diese unterschiedlichen Schmerzmechanismen können das Leben stark beeinflussen.
Die heutige Schmerzforschung zeigt deutlich: Entscheidend ist nicht nur wie lange ein Schmerz dauert, sondern welche Mechanismen im Körper daran beteiligt sind. Diese Mechanismen bestimmen, wie sich Schmerz anfühlt, wie er sich entwickelt – und welche Behandlung sinnvoll ist.
Schmerzmechanismen – wie Schmerz entsteht
Die IASP unterscheidet drei grundlegende Schmerzmechanismen: nozizeptiv, neuropathisch und noziplastisch. Diese Begriffe helfen, Schmerzen besser einzuordnen – unabhängig davon, ob sie akut oder chronisch sind.

Die drei Schmerzmechanismen im Überblick
| NOZIZEPTIVER SCHMERZ | NEUROPATHISCHER SCHMERZ | NOZIPLASTISCHER SCHMERZ | |
| IASP-DEFINITION (VEREINFACHT) | Schmerz durch tatsächliche oder drohende Gewebeschädigung | Schmerz durch eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems | Schmerz durch veränderte nozizeptive Verarbeitung ohne klare Gewebe- oder Nervenschädigung |
| GRUNDIDEE | Der Körper meldet: „Hier ist etwas verletzt oder überlastet“ | Das Nervensystem selbst ist geschädigt | Das Nervensystem arbeitet zu empfindlich / ist fehlreguliert |
| ART DER ENTSTEHUNG | Aktivierung von Nozizeptoren im Gewebe | Fehlfunktion geschädigter Nerven | Übersteigerte Schmerzverarbeitung im zentralen Nervensystem |
| AUSLÖSENDE FAKTOREN | Verletzung, Entzündung, mechanische Belastung | Nerveneinklemmung, Nervenentzündung, Läsion von Nerven | Anhaltende Schmerzen, Stress, frühere Verletzungen, emotionale Belastung |
| BETEILIGTE STRUKTUREN | Haut, Muskeln, Gelenke, Knochen, Organe | Periphere Nerven, Rückenmark, Gehirn | Gehirn, Rückenmark, schmerzverarbeitende Netzwerke |
| SCHMERZ-CHARAKTER | gut lokalisierbar, dumpf, ziehend, stechend | brennend, einschiessend, elektrisierend, kribbelnd | diffus, wechselnd, schwer lokalisierbar |
| REAKTION AUF BERÜHRUNG | meist proportional zum Reiz | oft Überempfindlichkeit oder Gefühlsstörungen | häufig Überempfindlichkeit ohne klare Ursache |
| BEISPIELE | Verstauchung, Entzündung, Schmerzen nach OP | Ischias, Polyneuropathie, Radikulopathie | Fibromyalgie, chronisch unspezifische Schmerzen |
| THERAPEUTISCHER SCHWERPUNKT | Heilung und Entlastung des Gewebes | Schutz und Modulation des Nervensystems | Regulation, Sicherheit, Neu-Lernen im Nervensystem |
Diese Unterscheidung ist zentral, weil der gleiche Schmerzort unterschiedliche Ursachen haben kann – und entsprechend auch unterschiedliche Behandlungsansätze braucht.
Akuter und chronischer Schmerz – verständlich erklärt
Akuter Schmerz
ist in der Regel kurzzeitig und sinnvoll. Er entsteht als direkte Reaktion auf eine Verletzung, Entzündung oder Überlastung. Der Körper sendet damit ein Warnsignal: „Achtung, hier stimmt etwas nicht.“ Sobald das Gewebe heilt, verschwindet der Schmerz meist wieder.
Chronischer Schmerz
ist anders. Er bleibt meist länger bestehen oder kehrt immer wieder zurück – oft auch dann, wenn die ursprüngliche Ursache längst abgeheilt ist. Das bedeutet nicht, dass der Körper „zu langsam heilt“, sondern dass sich die Schmerzverarbeitung im Nervensystem verändert hat.
Forschung zeigt, dass sich bei chronischem Schmerz unter anderem das Gleichgewicht von Botenstoffen im Gehirn, die Aktivität bestimmter Hirnareale und die Verknüpfung von Schmerz mit Aufmerksamkeit und Emotionen verändern. Man kann sich das wie ein Alarmsystem vorstellen, das zu empfindlich eingestellt ist: Es schlägt weiter Alarm, obwohl keine akute Gefahr mehr besteht.
Wichtig ist dabei: Diese Veränderungen sind funktionell und lernabhängig. Das Nervensystem hat Schmerz gelernt – und es kann auch wieder umlernen.
Unterscheidung chronische Schmerzen
Mit der ICD-11 wird chronischer Schmerz zusätzlich danach unterschieden, ob er Folge einer anderen Erkrankung ist oder selbst zur Erkrankung geworden ist:
- Chronisch sekundärer Schmerz: Der Schmerz ist erklärbar durch eine andere Erkrankung, z. B. Arthrose, Entzündung oder Nervenschädigung.
- Chronisch primärer Schmerz: Der Schmerz selbst steht im Zentrum, ohne dass eine ausreichende körperliche Ursache gefunden wird.
Da dieses Thema zentral ist, findest du dazu einen eigenen, ausführlichen Blogbeitrag bei uns zur ICD-11 und chronischem Schmerz.
Wenn Schmerz sich im Nervensystem festsetzt
Bei anhaltenden Schmerzen spielen Lern- und Gedächtnisprozesse eine wichtige Rolle. Wiederholte Schmerzreize, Schonverhalten, Angst vor Bewegung oder Stress können dazu beitragen, dass Schmerzbahnen im Nervensystem verstärkt werden. Der Schmerz wird dadurch schneller ausgelöst, intensiver wahrgenommen oder breitet sich aus.
Entscheidend ist: Diese Prozesse sind nicht irreversibel. Das Nervensystem bleibt formbar. Genau hier setzen moderne, multimodale Schmerztherapien an – mit dem Ziel, Sicherheit zu vermitteln, Wahrnehmung zu verändern und das Nervensystem wieder zu beruhigen.
Fazit
Schmerz ist kein einheitliches Signal. Je nach Schmerzmechanismus, Dauer und Veränderung im Nervensystem entsteht ein ganz anderes Schmerzerleben. Wer versteht, wie Schmerz entsteht, versteht auch besser, warum einfache Lösungen oft nicht ausreichen – und warum bei chronischen Schmerzen andere Wege nötig sind als bei akuten Verletzungen.
Schmerz ist real. Und er ist erklärbar.

Quellen
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Der Placeboanalgesie. Der Schmerz. Volume 36, pages 205–212.
Faissner, S. & Weber, M. (2018) Aktuelles Aus Der Forschung. Aktuelle Neurologie.
45(09) pp. 690-691. DOI: https://doi.org/10.1055/a-0664-6010
International Association for the Study of Pain (2021). PAIN TERMS and Definitions. Terminology | International Association for the Study of Pain. Abgerufen am 28.12.2025
Janetzki, L., et al. (2016). Hirnmetabolische Veränderungen Bei Chronischem Rückenschmerz.
Der Schmerz. Volume 30, pages 134–140
Luomajoki, H. & Schwertfeller Ch. (2025) Hands-off in der Physiotherapie. Kapitel 3.3
Schmerzmechanismen und Schmerzmuster. S. 164-178. Georg Thieme Verlag. Stuttgart.
(Link zum Buch auf Orell Füssli: Hands-off in der Physiotherapie*)
Swiss Pain Society (2025). Terminologie in der Schmerzphysiotherapie.
swisspainsociety.ch/de/terminologie-in-der-schmerzphysiotherapie/. Abgerufen am 28.12.2025
Voos, D. (2014). Rückenschmerz – Verändern Chronische Schmerzen Das Gehirn? RöFo. 186(8):
736. DOI: 10.1055/s-0034-1369147 | https://eref.thieme.de/ejournals/1438-9010_2014_08#/10.1055-s-0034-1369147
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